Ja, ist denn heut' schon wieder Weihnachten? Gartenbotschafter John Langley®



Inzwischen bin ich 66 Jahre jung oder alt (alles ist natürlich relativ) und glaube immer noch an den Weihnachts……. NEIN! Ich meine den Weihnachtsbaum. Solange ich mich erinnern kann stand um die weihnachtlichen Tage immer (65 Mal)ein grünes, duftendes meterhohes Gewächs im Mittelpunkt dieses kalendarischen Ereignisses. Ja, wir waren auch damals (in den sechziger Jahren) mit dem Lichterfest sehr verwurzelt, obwohl der Baum (natürlich nicht der) sondern Jahr für Jahr immer wieder andere, in einen viel zu kleinen gusseisernen Ständer gestellt wurde. Heute ein gezielter Fußtritt auf den technologisch ausgefuchsten Tannenbaumständer und der Baum stand total sicher und fest (wie eine EINS) zum Fest. Aber, wie sagt man immer: „Wer die Vergangenheit nicht kennt, weiß die Zukunft nicht zu schätzen.“

 

Deshalb zurück…. einer (das war der Älteste, also ich) musste den Baum waagerecht halten und dann wurde gesägt, geraspelt und mit dem Messer so lange handwerklich modelliert, geformt und geschnitten bis der dicke Stamm, stamm und wackelfrei in das filigrane schmiedeeiserne mit goldiger Farbe bepinselte Gestell passte.

 

Ich verrate an dieser Stelle nicht zu viel. Komme was da wolle, die eiserne „Wurzel“ musste Jahr für Jahr die wackelige Last für wenige Tage verlässlich festhalten. Ich verrate an dieser Stelle nicht zu viel. Es passte aber nie so richtig. Während ich mich von piksenden Nadeln (heute weiß ich natürlich, das es nadelförmige Blätter sind und waren) befreite und meine Tränen (ich musste nicht nur tragen, sondern auch einiges währen der Prozedur meines Vaters ertragen) abgetrocknet wurden, stand auf einmal der Baum vor mir. Toll. Bis zur Decke. Doch wo war mein Vater jetzt? Ich hörte nur ein Grummeln und da war noch ein anderes Geräusch. „Viel zu dick, da muss ordentlich was ab“ hörte ich noch und die Zweige fielen auf einer Seite des Baumes auf den Fußboden, auf das dicke Sofa, den Esstisch – eigentlich überall hin. „Ach, das ist der weihnachtliche Sägen“ würde mein aufgewecktes Enkelkind Colin heute bestimmt sagen. Ich war da eher sprachlos, weil inzwischen der flauschige Teppich ebenfalls unter der Zweiglast nicht mehr zu sehen war.

Es sah aus wie im Wald und duftete auch so. Dieser harzige Geruch beruhigt die Nerven weiß man heute. Aber damals wusste man(n) das noch nicht. Und immer, wenn ich geschnittene Tanne / Fichte oder andere Koniferen rieche, erinnert sich mein Gedächtnis an diesem Moment. Auf meine etwas verstörte Frage, warum wir in diesem Jahr nur einen halben Weihnachtsbaum haben, gab es schnell eine väterliche Antwort. „Wir brauchen Platz, wenn Oma und Opa bei der Bescherung dabei sein sollen.“ Und während ich noch darüber nachdachte, was der Baum damit zu tun hatte, schob mein Vater (immerhin gelernter Gärtner) den halbierten Restbaum total gegen die Wand. Ein Stückchen Wäscheleine um den Stamm gewunden und am Bilderhaken fixiert sicherte dieses vertikale Unikat des Waldes vorm Umfallen. Das war auch gut so, der Fuß an diesem – jetzt sehr komisch aussehenden Baum – war in jedem Fall nicht fallsicher.

 

Auch dieses Bild ist mir so im Gedächtnis verhaftet, dass ich viele Jahre später ähnliche Kompakttechnik der alljährlichen Überraschungsbotanik auch angewendet habe. Auch da waren alle davon bewegt. Doch damals gab es für das Familienoberhaupt eigentlich keinen Baum, den die Natur so perfekt hätte gestalten können, dass er unbearbeitet einen Platz im Weihnachtszimmer an der Fuhlsbüttler Straße (oder bekannter Fuhle) gefunden hätte. Nun sollte es nur noch zu finalen Krönung des Gesamtwerkes kommen. Und deshalb mussten wir Kinder den Raum der Inspiration, der Tradition und der Installation verlassen.

 

Warum? Jetzt erst wurde der eigentliche Traumbaum in den kommenden Stunden vollendet und dekorativ geschmückt. Überall dort, wo der harzige, vernadelte Stamm zu sehen war, musste der halbe oder halbwegs erkennbare Weihnachtsbaum in seinem Habitus (Wuchsform)zumindest einseitig noch vollendet werden. Die noch verbliebenen Zweige hatten ihre von der Natur bestimmte Bewegung, doch die optische Fülle, was heute durch gärtnerische Kulturtechnik der Baumschuler gängiger Standard ist. Der Vision folgend, war es für Vati zu Vervollkommnen. Da wurde in gekonnter Handarbeit einfach dem „ungenügenden“ Baum des Waldes nachgeholfen. Und wie? Mit einem kleinen Handbohrer (hatten wir auch im Werkstattunterricht in der Schule) bohrte (das erfuhren wir erst einige Zeit später) der Vater vom Fuß bis zur Spitze des Baumes am sichtbaren Teil des Stammes kleine, mittlere oder größere insgesamt 30 – 40 Bohrlöcher.

 

Und dann? Dann wurden - die immer noch im Zimmer umherliegenden Zweige - einzeln begutachtet, gedreht, geschüttelt (was noch mehr Nadelfall verursachte) und dann mit einer Schere geformt, optisch veredelt und schlichtweg eingekürzt. „Ja, das passt, perfekt“ hörte ich in der Küche (hier war auch das Zimmer, wo wir Kinder schliefen) Dann spitzte (wie ein Bleistiftes) der Vater das jeweilige Ende der unterschiedlichen Zweige – fast liebevoll, behutsam - an. Und – wie er Heiligabend allen erzählte - arbeitete er sich vom oberen Bohrloch zum nächst tiefer liegenden und steckte die Spitze in die Bohröffnungen und vervollständigte nach und nach die Tanne – oder war es eine Fichte? Egal, es war unser Weihnachtsbaum und noch – wie bereits gesagt – ein unvergesslicher Traumbaum. Ich habe diese Entstehungs-Geduld nicht geerbt. Stundenlange feinmotorische Vorbereitungen waren (kann man bestimmt nachvollziehen) hierfür notwendig.

 

Was hat man das heute leicht, man nehme einfach einen kleinen Topf und zwängt (ok, das ist geblieben)den oft imaginären Wurzelballen (der als Frischeballen keiner ist) sein Grün ins Gefäß. Oder bestellt sich fertig geschmückt mit brennenden Kerzen einen Konvenienz-Onlinebaum. Aber ist das wirklich Weihnachten? Ja, für viele gehört das bereits zum Alltag. Da gibt es noch die sogenannten „Nichtnadler“, stellt man sich die Frage künstlich oder natürlich? Natürlich künstlich muss „leider“ die Antwort dann lauten. Auch zur damaligen Baumsymbolik gehörten Kugeln, Kerzen und Kekse. Durch das zu dicht geschaffene „Nadelkleid“ war es fast unmöglich die --

 

"O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie treu sind deine Blätter" und während wir miteinander entspannt und aufgeregt sangen, schwebten draußen helle vom Mondschein begleitete Schneeflocken am beschlagenden Fenster vorbei (da hatten wir noch richtigen Winter am 24.12.) und drinnen im Raum rieselten schon die Blätter des Baumes.

"O Tannenbaum, o Tannenbaum, dein Kleid will mich was lehren". Was eigentlich????? Nicht nur uns - auch dem Baum - war es in der kleinen weihnachtlichen Wohnstube einfach viel zu warm. Ohne lange zu zögern, befreite er sich sichtbar von seinem mühevoll handwerklich geschaffenen Nadelkleid.

 

Doch dass dieses Weihnachten (1962) auch noch ein frohes, freudiges Fest werden würde, das zeigte sich dann beim Lüften des Raumes durch Öffnen der Türen und Fenster. Wie wild geworden flatterten und tanzten die silbrigen Streifen - wie befreit -durch den zugigen Raum und entfernten sich vom schönsten Weihnachtsbaum der Welt. In dem Augenblick und etwas später hatten wir dann trotzdem noch eine schöne Bescherung. Ein halbes Jahrhundert ist es her als wäre es gestern. Für uns Kinder (heute Juniorbürger) was das Weihnachten richtig lustig.

 

Garten- und Weihnachtsbaumbotschafter

John